Innere Freiheit von Konventionen ist extrem wichtig für einen Künstler. Es bedeutet aber nicht, daß man das Gegenteil dessen macht, was man für richtig hält oder was sich in der Forschung als richtig erwiesen hat. Wer die Emanzipation innerlich vollzogen hat, hat nicht das Bedürfnis, seine Freiheit provokativ zu betonen. Für mich als Studenten in der Endphase heißt es auch: Meine Freiheit zu erleben heißt nicht, das Gegenteil dessen zu tun, was ich gelernt habe. Frei werden ist wie erwachsen werden: Man hat die Phase der Rebellion überwunden und tut alles nach bestem Gewissen, 80% davon deckt sich mit den Inhalten, gegen die man einst rebelliert hat. Aber innerlich ist man frei davon. Was bedeutet das?

Wer von uns kennt nicht das Gefühl, daß uns beim Üben ein Kritiker oder ein früherer Instrumentallehrer im Nacken sitzt? Quasi als “Über-Ich”? (Ja Nancy, ich weiß, “Freud ist out”, aber dieses Konzept funktioniert einfach). Oder daß wir uns auf der Bühne weniger durch unsere eigenen Ohren hören als durch die Ohren einer Person im Publikum, die wir fürchten?

Wir alle hatten Phasen, wo wir die Strenge unserer Lehrer oder kritischer Kollegen als belastend und künstlerisch hemmend empfanden. Und wegen dieses ganzen Inputs, den wir in Jahrzehnten der Kritik von Lehrern und Kollegen erhalten haben, will ein Teil von uns lieber “alles richtig machen” (gibt es ein Richtig?), statt das Risiko einzugehen, sich seinen Instinkt vom Leib zu spielen.

Der springende Punkt für mich ist aber, daß Künstlertum Mut erfordert. Von daher ist der imaginäre Lehrer im Nacken (das Gewissen im Über-Ich) keine Last, die wir lieber nicht erlebt hätten. Diese psychische Hemmung ist eine begrüßenswerte Herausforderung, ohne die wir keinen Mut aufbringen müßten. Es ist gut, daß wir jeden Tag damit konfrontiert sind und jeden Tag den Mut aufbringen müssen, es zu überwinden. Erst im Mut der Überwindung können wir wiederentdecken, was uns “von außen” gesagt wurde und verstehen, wie sehr uns diese Dinge eigentlich helfen. In der inneren Freiheit (auch frei von Rebellions-Tendenzen) haben wir die Wahl, Gebrauch von Dingen zu machen, die einfach gut funktionieren. Darin liegt die tatsächliche Freiheit des Künstlers: Nicht in der Abwesenheit von Kritik und Erwartungen von außen, sondern im eigenen Verhältnis dazu. Nur in diesem Zwielicht zwischen bestem Wissen und Gewissen und davon abweichenden Wünschen kann innere Freiheit und Unabhängigkeit zu künstlerischen Entscheidungen führen, die wirklich funktionieren.

Letztendlich führt das dazu, daß der eigene Instinkt und das eigene Gefühl sich beim Spielen in die Form all der hilfreichen Anweisungen kleidet, die wir von außen erhalten hatten und damals als fremd empfunden hatten. Der Widerspruch zwischen Über-Ich und emotionalen Wünschen löst sich auf und verschmilzt in einem Künstler, der wirklich frei ist. Martha Argerich war am Anfang ihrer Karriere ein viel besseres Beispiel dafür als Ivo Pogorelich zu Beginn seiner Karriere.

Die Phase der inneren Ablösung von einem Lehrer ist anders als die Phase der Rebellion gegen den Lehrer: Die Phase der inneren Ablösung ist mit großer Dankbarkeit verbunden. Ich fühle große Dankbarkeit gegenüber Konstanze Eickhorst, Susanne Wassenich, Karl-Heinz Kämmerling, Konrad Elser und Vitaly Margulis.

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