In der priviligierten Position, bei einem internationalen Klavierwettbewerb einen Sonderpreis gewonnen zu haben (beim Brahms-Wettbewerb 2011 in Pörtschach), kann ich ein paar Gedanken über Wettbewerbe teilen. Schon beim ersten Treffen der Teilnehmer hatte ich das paradoxe Beklommenheits-Gefühl, daß mir die anderen Teilnehmer alle extrem sympathisch waren, doch sollten wir uns hier als Konkurrenten fühlen? Der weitere Verlauf des Wettbewerbs bestätigte dies: wir TeilnehmerInnen untereinander waren wie eine große Familie. Selten habe ich so viel schöne Zeit mit so vielen netten Leuten verbracht. Das durchweg hohe Niveau sowie die Freundschaft der TeilnehmerInnen untereinander führt eigentlich die Wettbewerbsidee ad absurdum: Wir wollen uns den Markt teilen, statt zu fragen, wer der/die Beste ist und dadurch Privilegien haben sollten. Nette Menschen wollen sich generell diese schöne Welt teilen, statt um Vorrang zu kämpfen. Für jeden gibt es doch irgendwo Platz.

Warum kann es nur einen geben? Die Jury sagte uns nach der ersten Runde, wir seien alle mehr oder weniger gleich gut. Mit der Skiweltmeisterin Petra Kronberger hatte ich mich Tage vorher noch beim Kaffeetrinken unterhalten, und sie erinnerte sich achselzuckend, daß die Zweiten, Dritten und Vierten, die eine Hunderstelsekunde langsamer waren als der Gewinner, anschließend quasi vergessen wurden. Es zählt nur der Erste, obwohl alle anderen ähnliche Fähigkeiten haben und ebenso viel Zeit und Energie investiert haben. Warum ist nicht Platz für die Vielfalt? Warum kann es in dieser riesigen Welt mit ihrer unglaublichen Vielfalt immer nur einen geben? Ein mir befreundeter Architekt aus Mönchengladbach beklagt ähnlich: für offizielle Bauaufträge werden nur die Weltstars der Architekten heran gezogen, statt daß eine Kommune mal die Individualität ihrer eigenen, lokalen Talente zur Schau stellen würde!

In einem Fernseh-Interview konnte ich diese Gedanken kund tun (hoffentlich werden sie gesendet): Wettbewerbe sind sicherlich keine Erfindung der Musikernatur. Sie sind eine Erfindung des Kommerzes. Der Markt ist es, der nach Wettbewerbs-Prinzipien arbeitet. Der Markt ist es, der danach fragt “wer ist der Beste unter den MusikerInnen”, denn die “money maker” wollen nur den/die Beste(n) verkaufen, um maximalen Gewinn zu erzielen.

Wer hat behauptet, daß Wettbewerb der menschlichen Natur entspräche? Ich erinnere an unsere NS-Vergangenheit und die Ideologie dahinter. Das ist mißverstandener Darwin. Wir überleben nicht, weil wir eine Rasse gefunden haben, welche die stärkste ist und die fitteste für alle Lebensumstände! (Die blonde, blauäugige Rasse ist sicherlich auch die fitteste, die Wüste der Arabischen Emirate erfolgreich zu besiedeln. Und Afrikaner sind sicherlich von der Natur dafür ausgerüstet, im Schnee von Island und Grönland ein erfolgreiches Leben zu führen!) Wir überleben auf der Basis von Vielfalt! Die Natur erzeugt offensichtlich Vielfalt, und uns ist eine unglaubliche Freude an der Vielfalt gegeben; nicht, daß wir den/die Beste(n) ermitteln. Es wäre schön, wenn Marketingsstrategen und Wettbewerbsveranstalter sich das einmal ernsthaft überlegen würden, wie die schönsten Eigenschaften des Menschen – z.B. die Fähigkeit zu Gemeinschaft, Kooperation und die Liebe zur Vielfalt – vorteilhaft genutzt werden können.

Es zeigt sich einmal mehr, wie evolutionär rückschrittlich die Prinzipien der Marktwirtschaft sind, und wir Musiker lassen es uns nach wie vor gefallen, daß unser Leben von spirituell Zurückgebliebenen und ihren egoistischen Prinzipien bestimmt wird.

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