Lebensphilosophie eines romantischen Pianisten
Klavierklang als Schlüssel zu seelischer Tiefe und Berührbarkeit
“Das Herz ist der mystische Sitz unserer Seele. Es verteilt unsere Seelenenergie bis in jede Zelle des Körpers. Wenn ich ein Klavier berühre, fließt auch meine Seelenenergie in den Ton. Musik ist die Magie, wenn die physische Welt zum Trägermaterial für unsere Persönlichkeits-Essenz wird. Kunst verdeutlicht uns den tieferen Sinn des Lebens. Sie zeigt, dass Materie als Ausdrucksmedium für unser metaphysisches Selbst ist und von ihr durchströmt, erfüllt und belebt wird.” (D.F.)
Mystisch inspirierte Klangfarben
Musiker und Mystiker zu sein ist für Daniel untrennbar. Er sieht sich als “Suchender” nach dem Unbegreiflichen, glaubt an die „Magie” des Anschlags, an leidenschaftliche Klangwelten, die aus einer unbenennbaren, seelischen Tiefe kommen. Seine persönliche “Suche” nach Klang zieht er aus dieser geheimnisvollen Sehnsucht nach überirdischer, berührender Schönheit.
Mehr lesen: Artikel, in dem der Pianist den Bezug zwischen Musik und Spiritualität autobiografisch reflektiert.
Licht im Klang
Ich erinnere mich an einen Moment aus meiner Jugend: Ich sitze unter Bäumen und höre Klaviermusik von Chopin. Diese Musik berührt mein Gefühl und meine Sinnlichkeit – ideal für die Selbstentdeckung eines gefühlstiefen pubertierenden Jungen. Dieses Berührtsein ist magisch, voller Ahnung, dass dahinter noch etwas geheimnisvolles Größeres, Tieferes steckt. Die Selbstentdeckung in dieser Musik zieht mich unwiderstehlich in eine unendliche Tiefe, in der es mehr, mehr und mehr zu entdecken gibt. Ich ahnte das „Wirkliche“, Letztendliche, Absolute unter dem Boden dieser unendlichen Tiefe. Der Wegweiser, auf dem richtigen Weg zu sein, war alleine das Gefühl des „Authentischen“ im Herzen.
Wiederum 10 Jahre später, als Klavierstudent in Lübeck. Ich höre den Pianisten Glenn Gould Musik von J.S. Bach spielen (die geheimnisvolle Partita Nr. 6) und bin von der mystischen, metaphysischen Dimension des Klangs wie elektrisiert. Ich setze mich ans Klavier und versuche es selbst und finde mein Klangresultat erbärmlich. Der Schlüssel, wie ich dem Klavier dieses Faszinosum entlocken kann, offenbart sich mir noch nicht.
Das sollte sich ändern, als ich der Heartfulness Meditation über den Weg laufe. Das feine, subtile Licht, das von den Trainern als “transmission” einem Meditierenden sanft zugeleitet wird, weckte in mir die Erinnerung an diese “Essenz”, nach der ich suchte. Ich werde von dieser feinen Energie innerlich gepackt, und da kommt mir dieses Gefühl so vertraut vor, so bekannt. Es erinnerte mich an die schönsten Momente am Klavier, wo ich tief mit mir verbunden bin, und sie erinnerte mich an die schönsten Momente von Liebesvereinigung. Auch da schwamm mein Herz beglückt in Licht.
Es klickte in mir: Das ist es, wonach ich unbewusst in der Musik gesucht hatte. Und es klickte weiter: Spiritualität ist nichts Abstraktes außerhalb des Universums, sondern sie ist die tiefste Essenz von allem, was wirklich innerlich erfüllt. Wie ein gemeinsamer Nenner aller echten Glückserlebnisse, wie das Destillat, die Essenz, die allen gemeinsam ist.
Nach 3 Jahren Meditationspraxis saß ich wieder am Klavier und übte J.S. Bach, und nun waren die metaphysischen Antennen des Herzens aktiviert. Die Töne ergaben plötzlich untereinander eine Gefühlslogik, die wie von metaphysischem Licht durchdrungen war. Intuitiv wusste ich, dass auch Bach dieses „Licht im Klang“ beim Komponieren gefühlt haben muss, welches die Töne so zwingend schlüssig miteinander verbindet. Ebenso intuitiv wusste ich plötzlich, wie ich die Tasten berühren muss, damit sich diese Magie im Klang einstellt.
Nach meiner Bach-Phase lernte ich die Musik des spätromantischen Mystikers Alexander Skrjabin durch einen Vortrag eines russischen Pianisten kennen. Der Titel des Vortrags war „auf der Suche nach Klang und Licht“. In mir klickte es: Skrjabin suchte nach Licht IM Klang. In der Folgezeit verfiel ich Skrjabins sinnlicher und übersinnlicher Klangwelt, organisierte vier Konzerte mit seiner Klaviermusik und brachte meine erste CD damit heraus.
Erklären kann ich es jedoch heute noch nicht, wie ich es am Klavier mache. Deshalb behalf ich mir beim Vortrag in Roggow zunächst mit Geschichten, wie meine Klavierlehrer sich bemüht hatten, das Unaussprechliche suggestiv zu vermitteln. Ich sah nun, dass meine Klavierlehrer auch Mystiker gewesen waren, ohne es benennen zu können. Sie waren meine weltlichen Gurus, die mich die Ahnung des Metaphysischen hinter der Kunst fühlen ließen. Prof. Kämmerling etwa sagte gerne „du musst den Klang füüüüühhhhlen“, und dabei bebte seine Stimme so eindringlich, dass keine Worte nötig waren, um die Dimension des metaphysisch Berührenden im Klang zu benennen.
Dieses „Füüühlen“ ist in den feinen Nerven der Fingerspitzen ebenso intensiv wie im spirituellen Licht des Herzensraumes. Kämmerling sprach von einer „intensiven Kochstufe“, einer erhöhten inneren Intensität, die mit dem Akt der Liebe vergleichbar sei. „Schöpferischer Klangwille“[1] ist eine weitere berühmte verbale Annäherung an diesen Zustand, wenn man auch den Akt der Liebe als „schöpferisch“ (neues Leben schaffend) versteht. Man fühlt sich mit der Klangvorstellung gewissermaßen „schwanger“; dieses innere Vibrieren drängt, sich auszudrücken; der Klang „muss raus“, die Fingerspitzen verlangen nach der sinnlichen Tastenberührung, damit es entstehen kann.
Wie beglückend sich hier Geist und Materie verbinden, fand ich von einem erleuchteten Wissenschaftler so erklärt[2], dass mir einleuchtete, was hier passiert. Dieser hawaiianische Herzchirurg glaubt beweisen zu können, dass eine metaphysische Energieform existieren muss, die für die Wissenschaft noch nicht messbar ist. Er nennt sie „L-energy“ (Lebensenergie), meint aber eindeutig Seelenenergie (was strenggenommen nicht dasselbe ist). Weiter glaubt er, beweisen zu können, dass die ganz individuelle L-Energie eines jeden Menschen im Herzen sitzen muss. Denn das Herz pumpt diese Seelenenergie über das Blut in jede Körperzelle hinein, und auf diese Weise erhalten die Körperzellen die „Information“, wer wir sind und formen sich entsprechend. Wenn wir mit unseren Händen einen anderen Menschen berühren, tauscht sich über die Haut auch unsere L-Energie aus. Wir berühren uns beim Hautkontakt immer auch mit unserer Seelenenergie (bzw. unserem innerem Herzenslicht), die vom Herz in unsere Zellen gepumpt wird.
Nun wusste ich, dass beim Klavierspielen dasselbe passiert. Die Zellen meiner Fingerspitzen sind mit der Seelenenergie meiner Klangvorstellung aufgeladen, die dann in die Tasten fließt. Auf diese Weise wird auch der Klang mit Seelenenergie durchdrungen und belebt. Bei der Recherche zu meiner Doktorarbeit in Los Angeles wurde mir klar, dass den „Popstars“ des 19. Jahrhunderts wie Franz Liszt diese Zusammenhänge völlig bewusst waren. Er gründete sein gesamtes Selbstbild darauf, stilisierte sich zum religiösen Lichtbringer und benutzte diese Fähigkeiten gleichzeitig, um reihenweise Frauen zu verführen.
Ich verstand: Jede Kunstform, ob Musik, Malerei, Dichtung oder Tanz, verwendet ein physisches Medium, das sich über eines der Sinnesorgane kommuniziert: Klang, Farbe, Form, Wort oder Bewegung (Körper). Wenn die Sinnlichkeit dieses Mediums zum Selbstzweck wird, bleibt der Ausdruck rein physisch. Dann wird die Sache leicht klebrig und selbstsüchtig. Wenn dieses Medium aber nur Mittel zum Zweck bleibt und unsere Seelenschwingung transportiert, dann transportiert der physische Ausdruck die Poesie unserer Seele und berührt die mystischen Tiefen des Herzens.
[1] Carl Martienssen, Schöpferischer Klavierunterricht
[2] Paul Pearsall, Ph.D., The Heart’s Code.




